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Corona: Fußball-Bundesliga konkretisiert Pläne für Zuschauer-Rückkehr

Die Gästebereiche in Deutschlands Fußball-Stadien sollen bis Jahresende leer bleiben. Foto: Roland Weihrauch/dpa
Die Gästebereiche in Deutschlands Fußball-Stadien sollen bis Jahresende leer bleiben. Foto: Roland Weihrauch/dpa

Die Deutsche Fußball Bundesliga konkretisiert ihre Pläne für eine eingeschränkte Rückkehr von Zuschauern in der 1. und 2. Liga. Die wichtigsten Punkte treffen die Fan-Kultur in ihrem Kern.

Der Leitfaden der Fußball Bundesliga für eine Rückkehr der Zuschauer zu Beginn der neuen Saison birgt einigen Zündstoff – und sorgt für eine Diskussion, die auch von anderen Sportligen mit Spannung verfolgt wird. Über die entsprechenden Anträge des DFL-Präsidiums entscheiden die 36 Proficlubs am Dienstag bei der virtuellen Außerordentlichen Mitgliederversammlung. Unmut aus der Fan-Szene gibt es jetzt schon.

Die DFL hatte einen Leitfaden für die Rückkehr der Anhänger in die Stadien erstellt und die Clubs aufgefordert, lokale Konzepte zu erarbeiten. Sie sieht Abstimmungsbedarf, „ob es mit Blick auf bestimmte Aspekte ein einheitliches Vorgehen aller Clubs geben sollte“. Bei den Entscheidungen genügt eine einfache Mehrheit. Mit den Maßnahmen will die DFL das Infektionsrisiko bei Spielen in der Corona-Pandemie verringern.

Nach Informationen der Bild wollen die Gesundheitsminister der Länder in zwei Wochen eine Entscheidung treffen, ob und wenn ja, in welchem Maße wieder vor Zuschauern gespielt werden kann – diese dürfte richtungsweisenden auch für andere Sportveranstaltungen und Großevents werden. Dem Blatt zufolge einigten sich die zuständigen Politiker am Montag bei einer Schaltkonferenz darauf, die Entscheidung zu vertagen.

Stehplätze

Das Thema Stehplätze gilt als besonders sensibel, da diese in manchen ausländischen Ligen wie der englischen Premier League abgeschafft wurden. Zudem befinden sich gerade dort die stimmgewaltigsten und treuesten Anhänger.

„Das Bekenntnis der DFL zum Erhalt von Stehplätzen in den Stadien der Bundesliga und 2. Bundesliga hat unverändert Bestand“, betont die DFL. Es gehe aber bei einem vorübergehenden Verzicht darum, die Einhaltung und die Kontrolle der Einhaltung von Abstands- und Hygienemaßnahmen zu erleichtern.

Das Fan-Bündnis „Unsere Kurve“ will keine Ungleichbehandlung von Zuschauern, „weshalb wir uns für die Zulassung von Gästefans aussprechen“. Die DFL verweist darauf, dass am 31. Oktober die Corona-Verordnungen vieler Bundesländer auslaufen und man danach die Lage neu bewerten könne.

Gästetickets

Gemäß der Spielordnung stehen dem Gäste-Club zehn Prozent der Eintrittskarten zu. Diese Regelung soll bis zum Jahresende ausgesetzt werden. „Dies würde dazu beitragen, das bundesweite Reiseaufkommen von Fans – teilweise in öffentlichen Verkehrsmitteln – zu reduzieren und dadurch das Infektionsrisiko zu verringern“, erklärt die DFL.

Die Fußball-Bundesliga betont mit Blick auf die Rückkehr der Zuschauer: „Außer Frage steht dabei, dass Auswärtsfahrten von Fans einen wichtigen Bestandteil der deutschen Fußballkultur ausmachen.“

Sig Zelt, Sprecher der Organisation Pro Fans, gibt zu bedenken, dass Bürger ja auch Reisen unternehmen dürfen: „Was mich unterschwellig stört, ist, dass die Fans als Risikofaktor gesehen werden, die sich nicht benehmen können“, sagte Zelt der Deutschen Presse-Agentur.

Verfolgung von Infektionsketten

Beim Ticketverkauf sollen die Vereine dafür sorgen, dass Infektionsketten gegebenenfalls nachverfolgt werden können. Damit wolle man die Gesundheitsbehörden unterstützen. Details zur Umsetzung sollen den Clubs überlassen werden, gelten soll eine entsprechende Ergänzung der Spielordnung bis zum Jahresende.

„Denkbar wäre zum Beispiel, dass ein Ticketkäufer beim Erwerb entsprechende Daten hinterlegt und dieser im Fall einer erlaubten Weitergabe eines Tickets auch die Daten des Ticketnutzers mit Blick auf eine mögliche spätere Nachverfolgung von Infektionsketten erfasst“, so die DFL.

Die Fanvereinigung „Unsere Kurve“ warnt davor, neue Technologien der Überwachung „durch die Hintertür des Gesundheitsschutzes“ einzuführen und mahnt: „Vereine und Verbände müssen sicherstellen, dass keine Weitergabe von erfassten Daten an die Sicherheitsbehörden erfolgt.“

Alkoholverbot

Beim Alkoholausschank verweist die DFL darauf, dass dieser ohnehin nur mit ausdrücklicher Einwilligung der örtlichen Behörden möglich ist. Grundsätzlich erklärt die Dachorganisation in ihrer Mitteilung vom Dienstag, dass alle Maßnahmen eine vorübergehende Anpassung seien, „um angesichts der andauernden pandemischen Lage die Einhaltung und die Kontrolle der Einhaltung von Abstands- und Hygienemaßnahmen in den Stadien zu erleichtern“.

Die Fanvereinigung „Unsere Kurve“ fordert in ihrem Positionspapier: „Fans und Fanvertretungen müssen zwingend bei allen Prozessen um die Wiederzulassung von Publikum eingebunden sein. Sie können wichtiges Wissen zur Umsetzbarkeit von Hygienekonzepten in Tribünen-Bereichen beitragen.“ Sie ist aber auch für gemeinsame Leitplanken, um einen „Flickenteppich an verschiedenen Vorgehensweisen“ zu vermeiden.

Die Organisation „Pro Fans“, die im Gegensatz zu „Unsere Kurve“ nicht in der AG Fankulturen der DFL und des DFB vertreten ist und die Ultra-Szene vertritt, sieht die ganze Vorgehensweise hingegen kritisch. „Uns erschließt sich nicht die Notwendigkeit, dass alle Clubs bei diesen Punkten gleich handeln müssen. Schließlich wird die Krise ja auch föderalistisch gemanagt“, sagte Zelt.

Hoffnung auf Massentests

Neben den Hygienekonzepten scheint für die Fußball-Bundesliga und der Deutsche Fußball-Bund für die Rückkehr der Zuschauer auch der Corona-Test ein wichtiger Schlüssel sein. Doch sind massenhafte Präventivtests ein taugliches Mittel, um eine Ausbreitung des Corona-Virus in Fußballstadien zu verhindern und die Sicherheit der Zuschauer zu gewährleisten?

Den ersten Vorstoß wagte Bundesligist 1. FC Union Berlin. „Zugang zum Stadion erhält man dann mit einer gültigen Eintrittskarte und einem negativen Testergebnis, das zum Zeitpunkt der Stadionschließung nicht älter als 24 Stunden sein darf“, hieß es in der Mitteilung des Vereins, der betonte: „Unser Stadionerlebnis funktioniert nicht mit Abstand. Wir wollen bestmöglich gewährleisten, dass sich in unserem ausverkauften Stadion niemand infiziert.“

Später nannte DFB-Präsident Fritz Keller Massentests für Besucher vor einem Spiel als eine Maßnahme, um von September an wieder Spiele zumindest vor einer begrenzten Zahl von Zuschauern stattfinden zu lassen. In der ARD-Sportschau räumte der 63-Jährige am Sonntag aber auch ein: „Ich glaube, wir können heute in der Pandemielage noch gar nichts sagen.“ Die Wissenschaft müsse vorgeben, was möglich ist.

Ein weiteres Instrument für die Rückkehr der Zuschauer in die Stadien der Fußball-Bundesliga könnten zudem Gesichtsmasken sein. „Das tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wird wohl Pflicht werden“, hieß es bereits in einer Einschätzung zu Beginn des Monats. Die Kombination der verschiedenen Elemente und Vorkehrungen im Hygienekonzept könnte eine Blaupause auch für andere Sportveranstaltungen und Großereignisse sein.

Kritik von Experten

SPD-Gesundheitsexperte und Mediziner Karl Lauterbach ist gegen massenweise Testungen von Zuschauern einen Tag vor einem Spiel. „Es ist aus medizinischer und auch aus ökonomischer Sicht absurd, da ein völlig überflüssiges Risiko einzugehen“, sagte er dem Kölner Stadt-Anzeiger. Er regte an, dass nicht die etwa 500.000 Fans, sondern mehr Pflegekräfte und Erzieher im Herbst getestet werden sollten.

Zudem warnte Lauterbach, dass Tests, wie sie im Gespräch sind, nicht aussagekräftig seien. „Es kann vorkommen, dass bei einem Infizierten das Virus zum Zeitpunkt des Tests noch nicht nachweisbar ist, er aber später beim Spiel bereits ansteckend ist.“ Auch könnten bis zu 30 Prozent der Tests falsche negative Ergebnisse liefern.

Der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel sieht das ähnlich. So sagte er der Badischen Zeitung zur Initiative von Union Berlin, mit Beginn der Bundesliga das Stadion An der alten Försterei mit seinen 22.000 Plätzen komplett zu öffnen: „Einmal abgesehen davon, ob 22.000 Tests binnen 24 Stunden überhaupt durchführbar sind, gibt Ihnen das keine absolute Sicherheit.“

Je mehr Anhänger reingelassen würden, desto mehr steige die Wahrscheinlichkeit, „dass Zuschauer genau in diesen 24 Stunden bis zum Spiel positiv werden, also eine Menge an Virus im Körper haben, die den Test überhaupt erst positiv macht – und dann kann ich ansteckend sein“. Hinzu komme die Fehlerquote bei der Gewinnung eines Abstrichs, gerade wenn alles ganz schnell gehen muss.

Virologe Jonas Schmidt-Chanasit wies in der Bild am Sonntag darauf hin, dass ein Corona-Test nur eine Momentaufnahme sei. Es sei nicht ausgeschlossen, „dass trotzdem Zuschauer nach 24 Stunden positiv werden und somit andere Zuschauer im Stadion anstecken können“.

Wirtschaftlicher Aspekt für Clubs

Die Rückkehr der Zuschauer ist für die Clubs der Fußball-Bundesliga nicht nur ein emotionaler, sondern auch ein wirtschaftlicher Faktor. Laut dem DFL-Wirtschaftsreport 2020 für die Saison 2018/19 betrugen die Einnahmen der 18 Bundesligisten aus dem Spieltagbetrieb 520,1 Millionen Euro. Das ergab einen Anteil von 12,9 Prozent am Gesamtumsatz von 4,02 Milliarden Euro.

Verständlich, dass die Vereine nach den Corona-Geisterspielen ihre Fans wiederhaben wollen. RB Leipzig hofft, dass 20.000 Zuschauer bei Heimspielen zugelassen werden können, Eintracht Frankfurt nannte ebenfalls die Zahl von 20.000 Besuchern, Vizemeister Borussia Dortmund würde sich 15.000 Anhänger wünschen.

Im NDR erinnerte Wissenschaftler Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut, dass vor dem Lockdown Spiele mögliche Corona-Treiber waren. „Ich kann nur noch einmal warnen: Die großen Ausbrüche in Italien oder auch in Spanien sind auch durch Fußballspiele und insbesondere durch die Fans verstärkt worden“, meinte er.

Die größten Hoffnungen, nicht nur mit Blick auf die Rückkehr der Zuschauer in die Fußball-Bundesliga, ruhen unterdessen auf einem Impfstoff. In den USA wurde in dieser Woche die Erprobung eines Kandidaten in einem Großtests mit 30.000 Probanden gestartet.

© dpa-infocom, dpa:200728-99-949349/7
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➡️ Leitfaden für DFL-Konzept zur Wiederzulassung von Zuschauern [PDF]

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