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B.1.1.529: Sorge vor in Südafrika entdeckter Corona-Supervariante

Eine Frau im Schutzanzug in einem Hochsicherheitslabor im «National Institute for Communicable Diseases» in Johannesburg. Foto: Christoph Soeder/dpa/Archiv
Eine Frau im Schutzanzug in einem Hochsicherheitslabor im «National Institute for Communicable Diseases» in Johannesburg. Foto: Christoph Soeder/dpa/Archiv

Bisher grassiert die Corona-Delta-Variante in Europa – und bringt die Gesundheitssysteme an ihre Grenzen. Jetzt verbreitet sich in Südafrika eine Variante, die weit schlimmer sein könnte.

Die Ausbreitung einer neuen möglicherweise gefährlicheren Variante des Corona-Virus im südlichen Afrika hat international Besorgnis ausgelöst: Experten befürchten, dass die Variante B.1.1.529 wegen ungewöhnlich vieler Mutationen hoch ansteckend sein könnte.

Die derzeit verfügbaren Corona-Impfstoffe sind nach Ansicht eines britischen Experten „fast sicher“ weniger effektiv. Das sagte James Naismith, Professor für Strukturbiologie an der Universität Oxford, in der Radiosendung BBC 4 Today.

Ob die Variante auch leichter übertragbar sei, könne anhand der vorliegenden Daten bislang noch nicht mit Sicherheit gesagt werden. „Wir vermuten das und es gibt einige frühe Daten“, fuhr Naismith fort. Sollte sich eine leichtere Übertragbarkeit bestätigen, sei es unvermeidlich, dass die Variante auch nach Großbritannien gelange, so der Experte weiter.

Großbritannien und Israel schränkten deswegen vorsorglich den Flugverkehr in die Staaten der Region ein. Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister kündigte auf Twitter an, Deutschland werde unter anderem Südafrika zum Virusvariantengebiet erklären.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) ist die neue Variante bisher noch nicht in Deutschland entdeckt worden. „Bis halb 10 ist mir nicht bekannt, dass in Europa oder in Deutschland diese Variante bislang gefunden wurde“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. Zugleich betonte er: „Wir sind tatsächlich in sehr großer Sorge.“

„Mit Inkrafttreten heute Nacht dürfen Fluggesellschaften nur noch Deutsche nach Deutschland befördern“, schreibt Jens Spahn. „Wir bleiben bei der Einreise vorsichtig.“ Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister rief alle Menschen, die in den vergangenen Tagen aus Südafrika nach Deutschland gekommen sind, dazu auf, sich mit einem PCR-Test auf das Virus testen zu lassen.

Auch die EU-Kommission will Reisen aus dem südlichen Afrika in die EU auf ein absolutes Minimum beschränken. Die Brüsseler Behörde werde den EU-Staaten vorschlagen, die dafür vorgesehene Notbremse auszulösen um den Luftverkehr auszusetzen, teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf Twitter mit.

B.1.1.529 „besorgniserregendste, die wir je gesehen haben“

Die Wissenschaftlerin Susan Hopkins vom Imperial College in London bezeichnete die neue Variante als „die besorgniserregendste, die wir je gesehen haben“.

Die in Südafrika bislang festgestellte Übertragungsrate (R-Wert) liege bei 2. Das ähnele den Werten zu Beginn der Pandemie, so Hopkins im BBC-Radio. Noch seien mehr Daten notwendig, um zu einer abschließenden Bewertung zu kommen.

Ein erneuter Anstieg von Infektionen in einem stark durchseuchten Land wie Südafrika lege jedoch nahe, dass dafür zumindest teilweise neue Variationen verantwortlich zu machen seien, fuhr Hopkins fort. Sollte sich eine höhere Übertragbarkeit bewahrheiten, würde die Variante „ein massives Problem“, in der sie den in der Bevölkerung bestehenden Immunschutz umgehen könne.

Auch aus Sicht des südafrikanischen Virologen Shabir Madhi schützen herkömmliche Impfstoffe gegen die neue Corona-Variante B.1.1.529 nur bedingt. Dem TV-Sender eNCA in Johannesburg sagte er: „Wir gehen davon aus, dass es noch einiges an Schutz gibt.“ Es sei aber wahrscheinlich, dass bisherige Impfstoffe weniger wirksam sein dürften.

„Müssen sofort Reisebeschränkungen erfolgen“

„Die Wissenschaftler sind alle hoch alarmiert“, sagte Kanzleramtsminister Braun im ARD-Morgenmagazin.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schrieb auf Twitter: „Wir müssen Zeit gewinnen. Nichts ist schlimmer als eine neue Variante in eine laufende Welle hinein.“ Wenn vorläufige Daten sich als korrekt herausstellten, „müssen sofort Reisebeschränkungen erfolgen“.

Der designierte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) verwies bei Maßnahmen gegen die neue Coronavirus-Variante auf die geschäftsführende Regierung von Angela Merkel (CDU). Er empfehle aber „auch Maßnahmen im Flugverkehr“, sagte Wissing im Deutschlandfunk.

Südafrikas Gesundheitsminister Joe Phaahla erklärte, die neue Variante bestätige die „Tatsache, dass dieser unsichtbare Feind sehr unvorhersehbar ist“. Er rief die Südafrikaner auf, Masken zu tragen, Abstand zu halten und insbesondere sich impfen zu lassen.

„Wir haben auch das zusätzliche Mittel der Impfungen, das uns helfen wird, schwere Erkrankungen zu vermeiden, einschließlich dass wir in Klinik enden oder sogar dem Virus zum Opfer fallen“, sagte er.

Eingeschränkter Flugverkehr

Deutsche Veranstalter werden nach Angaben des Branchenverbandes DRV Reisen ins südliches Afrika stornieren oder umbuchen. Die betroffenen Gäste würden entsprechend informiert, erklärte der DRV auf Anfrage.

„Reiseveranstalter gehen verantwortungsvoll mit der neuen Situation um und werden ihre Gäste aktiv informieren und wenn von den Kunden gewünscht auch vorzeitig zurück nach Deutschland bringen“, so der DRV. Aktuell befinden sich nach Schätzung des DRV lediglich bis zu 400 Gäste mit deutschen Reiseveranstaltern im südlichen Afrika.

Israel hat die Länder Südafrika, Lesotho, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Namibia und Eswatini bereits als „rote Länder“ eingestuft. Ausländer dürften aus diesen Ländern nicht mehr nach Israel einreisen, teilte das Büro des Ministerpräsidenten Naftali Bennett mit.

Israelis müssen bei einer Heimkehr aus diesen Ländern für bis zu 14 Tage in Quarantäne in ein Corona-Hotel, können sich aber nach einer Woche mit zwei negativen PCR-Tests freitesten. Man werde die neue Variante genau beobachten, um eine Ausbreitung in Israel zu verhindern, hieß es.

Die britische Regierung schränkt wegen der neuen Virusvariante den Flugverkehr aus Südafrika, Lesotho, Botsuana, Simbabwe, Eswatini und Namibia ein. Zudem gelte für Ankommende eine strenge Pflicht zur Hotelquarantäne, teilte Gesundheitsminister Sajid Javid mit.

Es gebe Hinweise darauf, dass B.1.1.529 noch ansteckender sei als die Delta-Variante und dass die verfügbaren Impfstoffe weniger wirksam seien. Der Flugverkehr aus den sechs Ländern solle von Freitagmittag an eingestellt werden.

Bislang wurden in Großbritannien keine Fälle mit der neuen Variante festgestellt, die etwa 30 Mutationen aufweisen soll. Doch täglich kommen laut der Nachrichtenagentur PA 500 bis 700 Menschen allein aus Südafrika in dem Land an. Über die Weihnachtszeit wird mit einer höheren Zahl gerechnet.

PA zitierte einen Experten der britischen Behörde für Sicherheit im Gesundheitswesen mit der Einschätzung, bei B.1.1.529 handele es sich um „die schlimmste Variante“, die bisher gesehen wurde. Bislang gebe es nur bestätigte Fälle in Südafrika, Botsuana und Hongkong.

Kategorie „besorgniserregende Variante“

Das südafrikanische Institut für Ansteckende Krankheiten NICD teilte am Donnerstag mit, es seien in Südafrika 22 Fälle der neuen Variante B.1.1.529 nachgewiesen worden.

Mit mehr Fällen sei im Zuge der laufenden Genomanalysen zu rechnen. „Obwohl die Datenlage noch beschränkt ist, machen unsere Experten mit allen Überwachungssystemen Überstunden, um die neue Variante und die damit möglicherweise verbundenen Implikationen zu verstehen.“

Die Weltgesundheitsorganisation WHO untersucht bereits, ob B.1.1.529 als besorgniserregend eingestuft werden muss. Das sagte WHO-Expertin Maria van Kerkhove in einem Briefing. Es werde dabei auch untersucht, inwieweit die Variante Folgen für die Diagnostik, Therapien und die Impfkampagnen habe.

Die WHO hat für die unterschiedlichen Corona-Variante mehrere Kategorien. Eine davon ist die Kategorie „Variant of Concern“, auf deutsch „besorgniserregende Variante“. Eine der „Variants of Concern“ ist etwa die derzeit in Deutschland vorherrschende Delta-Variante des Coronavirus. Zu den Merkmalen einer solchen Variante kann etwa gehören, dass sie nachgewiesenermaßen die Übertragbarkeit des Coronavirus erhöht hat.

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weiterführende Informationen:
➡️ Dashboard des Robert-Koch-Instituts
➡️ aktuelle Lageberichte des RKI
➡️ aktuelle Impfzahlen laut Robert Koch-Institut
➡️ weitere News rund um das Thema Corona


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