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Bürgermeister Vitali Klitschko: Situation in Kiew “ist bedrohlich”

Trümmer eines Flugzeugs das zwischen Häusern in Kiew abgestürzt ist. Foto: Oleksandr Ratushniak/AP/dpa
Trümmer eines Flugzeugs das zwischen Häusern in Kiew abgestürzt ist. Foto: Oleksandr Ratushniak/AP/dpa

Gebäude in Flammen, Tausende auf der Flucht: Der russische Angriff erschüttert die Ukraine. Russische Truppen sind schon in der Hauptstadt. Kiew steht eine schwierige Nacht bevor.

Vitali Klitschko hat in seiner Funktion als Bürgermeister von Kiew die Einwohner der ukrainischen Hauptstadt vor einer “sehr schwierigen Nacht” gewarnt. “Die Situation ist bedrohlich für Kiew – ohne Übertreibung”, schrieb er am Freitagabend im Nachrichtenkanal Telegram.

Russische Truppen seien in der Nähe der Millionenmetropole. Die Brücken der Stadt seien mit Soldaten gesichert. Es gebe Checkpoints nicht nur an den Stadtgrenzen. “Ich danke den Einwohnern der Stadt für ihre Bereitschaft, die Hauptstadt und das Land (…) zu verteidigen.”

Klitschko zufolge gab es am Abend fünf Explosionen im Abstand von drei bis fünf Minutenin der Nähe eines Wärmekraftwerkes im Norden der Stadt. Rettungskräfte seien dorthin unterwegs.

Eine Bewohnerin des Stadtteils Trojeschtschyna, in dem sich dieses Kraftwerk befindet, schrieb der Deutschen Presse-Agentur am Abend, dass schwerer Beschuss zu hören sei. Er intensiviere sich zunehmend. “Ich höre mächtige Salven in Schüben, und Explosionen. Es ist sehr nah und sehr beängstigend.”

Die russische Armee war zuvor bis nach Kiew vorgedrungen. Außenminister Dmytro Kuleba berichtete von “schrecklichen russischen Raketenangriffen” auf die Millionenstadt. Er warf Russland eine geplante “Entmenschlichung” der Ukraine vor.

“Nach Geheimdienstinformationen plant Russland eine massive Operation unter falscher Flagge, um die Ukrainer zu ‘entmenschlichen’ und die Ukraine angeblicher unmenschlicher Handlungen zu beschuldigen”, schrieb Kuleba am Freitagabend auf Twitter. Einmal mehr warf er zudem Russland vor, Zivilisten und Kindergärten anzugreifen. Diese Informationen konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

Seit Beginn der großangelegten Invasion am Donnerstag wurden auf ukrainischer Seite nach offiziellen Angaben mehr als 130 Soldaten getötet.

Luftangriffe im ganzen Land

Feuerwehrleute betrachten die Trümmer eines Flugzeugs das zwischen Häusern abgestürzt ist. Es war unklar, wessen Flugzeug abgestürzt ist und wer es zum Absturz gebracht hat. Russische Truppen sollen bis in die Außenbezirke der Hauptstadt vorgedrungen sein. Foto: Oleksandr Ratushniak/AP/dpa
Feuerwehrleute betrachten die Trümmer eines Flugzeugs das zwischen Häusern abgestürzt ist. Es war unklar, wessen Flugzeug abgestürzt ist und wer es zum Absturz gebracht hat. Russische Truppen sollen bis in die Außenbezirke der Hauptstadt vorgedrungen sein. Foto: Oleksandr Ratushniak/AP/dpa

Russische Soldaten haben nach ukrainischen Angaben die Region um die Hafenstadt Odessa an der Schwarzmeer-Küste mit Raketen beschossen.

Es seien am Freitag mehrere Raketen vom Meer aus auf Grenzschutzanlagen abgefeuert worden, teilte der Grenzschutz von Odessa mit. Betroffen sei auch Infrastruktur in der Region Mykolajiw. Mehrere Beobachtungsposten seien beschädigt worden. Befürchtet wird, dass russische Truppen nach Odessa vorrücken könnten – eine strategisch wichtige Stadt.

Zuvor hatten russische Truppen nach ukrainischen Angaben den Fluss Dnipro in der Südukraine überschritten. Damit hätten sie nun Zugang zur strategisch wichtigen Stadt Cherson, die wiederum eine wichtige Rolle beim Schutz von Odessa spielt.

In mehreren großen Städten, darunter Kiew, flüchteten die Menschen zum Schutz auch in U-Bahnhöfe. Ukrainische Truppen rückten in Kiew ein, um die Hauptstadt zu verteidigen. In der Metropole heulten mehrfach die Sirenen, wie ein Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur berichtete.

In der Region Kiew wurden nach offiziellen Angaben vier Menschen bei einem Luftangriff getötet und 15 verletzt. Auf Videos in den sozialen Netzwerken sind Kämpfe in einem Wohnviertel im Norden von Kiew zu sehen. Die Bilder zeigen unter anderem, wie ein Panzer ein Auto überrollt, dessen Insasse anschließend gerettet wird. Aus Charkiw im Osten des Landes berichteten Medien und Anwohner von Explosionen.

Verschiedene Angaben zu Opfern

Menschen fotografieren noch schwelende zerstörte russische Militärfahrzeuge am Stadtrand von Charkiw. Foto: Vadim Ghirda/AP/dpa
Menschen fotografieren noch schwelende zerstörte russische Militärfahrzeuge am Stadtrand von Charkiw. Foto: Vadim Ghirda/AP/dpa

Präsident Selenskyj sagte, in der ukrainischen Armee seien am ersten Tag der Invasion 137 Soldaten getötet und 316 Soldaten verletzt worden. Die Russen machten entgegen ihrer Zusicherung keinen Unterschied zwischen militärischen Zielen und Wohnhäusern, sagte er.

Nach ukrainischen Angaben erlitten die russischen Truppen ihrerseits schwere Verluste. Bisher hätten die einrückenden Truppen 2800 Soldaten “verloren”, teilte das Verteidigungsministerium in Kiew am Freitagnachmittag mit. Dabei war unklar, ob es sich um getötete, verwundete oder gefangene Soldaten handeln soll.

Russland setzte nach eigenen Angaben 118 ukrainische Militärobjekte “außer Gefecht” und schoss fünf ukrainische Kampfflugzeuge und einen Hubschrauber ab. Alle Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Amnesty International: Zivile Opfer

Ein beschädigtes Auto ist nach einem Raketenangriff auf die ukrainische Stadt Mariupol aus einem Loch in einem beschädigten Wohnhaus zu sehen. Foto: Evgeniy Maloletka/AP/dpa
Ein beschädigtes Auto ist nach einem Raketenangriff auf die ukrainische Stadt Mariupol aus einem Loch in einem beschädigten Wohnhaus zu sehen. Foto: Evgeniy Maloletka/AP/dpa

Die russischen Invasionstruppen in der Ukraine nehmen nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International den Tod von Zivilisten in Kauf und begehen damit möglicherweise Kriegsverbrechen.

Wie die Organisation am Freitag in London mitteilte, konnten drei Fälle dokumentiert werden, in denen Wohngebiete und Objekte wie Krankenhäuser zum Ziel von wahllosen Angriffen wurden. Dabei seien mindestens sechs Zivilisten getötet und zwölf weitere verletzt worden. Die Behauptung der russischen Militärführung, nur Präzisionswaffen einzusetzen, sei “offenkundig falsch”, heiß es in der Mitteilung.

“Das russische Militär hat eine unverhohlene Missachtung für das Leben von Zivilisten an den Tag gelegt, indem sie ballistische Raketen einsetzte und andere explosive Waffen mit großflächiger Wirkung in dicht besiedelten Gebieten verwendete”, sagte Amnesty-International-Generalsekretärin Agnes Callamard der Mitteilung zufolge.

Tschernobyl erobert

Einem russischen Militärsprecher zufolge eroberten die Russen das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl, knapp 70 Kilometer von Kiew entfernt.

Spezialisten eines ukrainischen Wachbataillons seien aber nach Absprache weiter im Einsatz. Es gebe keine Auffälligkeiten, die radioaktiven Werte seien normal. Hingegen teilte die zuständige ukrainische Behörde mit, sie messe deutlich erhöhte Strahlenwerte.

Nach Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) sind die Strahlenwerte jedoch nicht gefährlich. Die erhöhte Strahlung, die am Freitag gemessen wurde, könnte laut ukrainischen Behörden durch Militärfahrzeuge vom Boden aufgewirbelt worden sein, der Jahrzehnte nach der Atomkatastrophe von 1986 noch immer belastet ist.

Putin an Ukrainer: “Nehmt die Macht in Eure Hände”

Der Kreml verteidigte seinen Militäreinsatz gegen weltweite Kritik. Außenminister Sergej Lawrow sagte, der Zweck des Einsatzes sei eine “Entmilitarisierung und Entnazifizierung”.

Lawrow fügte an: “Niemand wird die Ukraine besetzen.” Der Kreml behauptet seit Jahren, 2014 hätten aus dem Ausland gesteuerte “Faschisten” in Kiew einen Staatsstreich herbeigeführt.

Russlands Präsident Wladimir Putin rief die ukrainische Armee zum Kampf gegen die Regierung auf. “Nehmt die Macht in Eure eigenen Hände! Es dürfte für uns leichter sein, uns mit Ihnen zu einigen, als mit dieser Bande von Drogenabhängigen und Neonazis, die sich in Kiew niedergelassen hat und das gesamte ukrainische Volk als Geisel genommen hat”, sagte Putin. Er lobte das Vorgehen der russischen Armee.

200 ukrainische Militärobjekte “außer Gefecht”

Russland hat nach eigenen Angaben insgesamt 211 ukrainische Militärobjekte “außer Gefecht” gesetzt. Dies teilte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Freitagabend in Moskau mit.

Unabhängig überprüfen lassen sich solche Aussagen nicht. Nach Konaschenkows Darstellung wurden zudem sechs ukrainische Kampfflugzeuge, ein Hubschrauber sowie fünf Drohnen abgeschossen. Auch 67 Panzer seien zerstört worden.

Der Militärsprecher sagte zudem, die Russen hätten Waffen erobert, die in den vergangenen Monaten aus dem Westen für die Ukraine bereit gestellt worden seien – darunter amerikanische Panzerabwehrraketen. Konaschenkow sprach von “Trophäen”.

Konaschenkow sagte außerdem, dass Separatistenkämpfer aus der ostukrainischen Region Donezk mittlerweile 25 Kilometer in bislang von ukrainischen Regierungstruppen kontrolliertes Gebiet weit vorgerückt seien. Luhansker Kämpfer seien mit russischer Unterstützung 21 Kilometer weiter vorgedrungen.

Allgemeine Mobilmachung

Am späten Donnerstagabend hatte Selenskyj eine allgemeine Mobilmachung angeordnet, die für 90 Tage gelten soll und die Einberufung von Wehrpflichtigen und Reservisten vorsieht.

Schon vorher hatte er eine Teilmobilmachung von Reservisten befohlen. “Wir müssen operativ die Armee und andere militärische Formationen auffüllen”, begründete er seine Entscheidung. Bei den Territorialeinheiten werde es zudem Wehrübungen geben. Wie viele Männer betroffen sein werden, sagte der 44-Jährige nicht.

Nach ukrainischen Behördenangaben dürfen männliche Staatsbürger im Alter von 18 bis 60 Jahren das Land nicht verlassen. Man werde sie nicht über die Landesgrenze lassen, sagte der Leiter der ukrainischen Zollbehörde in Lemberg, Danil Menschikow. Er bat die Menschen, keine Panik zu verbreiten und nicht zu versuchen, eigenständig die Landesgrenze zu überqueren.

Botschaftsmitarbeiter nach Polen ausgereist

Die entsandten Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Kiew sind nach Polen ausgereist.

Die Botschaft in Kiew sei aber nicht komplett geschlossen, teilte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Freitag in Berlin mit. Es befänden sich auch weiterhin lokale Beschäftigte vor Ort.

Nun würden verschiedene Optionen geprüft, wie und wo die Beschäftigten am besten und vor allem unter möglichst sicheren Bedingungen weiterarbeiten könnten. Neben der deutschen Botschaft in Kiew ist auch das Generalkonsulat Donezk in Dnipro wegen der Kämpfe vorübergehend geschlossen worden.

© dpa-infocom, dpa:220225-99-278651/48


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