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Putin: „Russland hat präventiv die Aggression abgewehrt“

Russlands Präsident versprach den Angehörigen gefallener Soldaten in seiner Ansprache materielle Hilfe - Kinder verstorbener Ukraine-Kämpfer sollen leichteren Zugang zu Universitäten bekommen. Foto: Mikhail Metzel/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
Russlands Präsident versprach den Angehörigen gefallener Soldaten in seiner Ansprache materielle Hilfe - Kinder verstorbener Ukraine-Kämpfer sollen leichteren Zugang zu Universitäten bekommen. Foto: Mikhail Metzel/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa

Russlands Präsident bezeichnet den Einmarsch in die Ukraine als „einzig richtige Entscheidung“. Im Gespräch mit dem Vater eines getöteten Mannes zeigt er sich zuversichtlich, sein Ziel zu erreichen.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat den Angriffskrieg gegen die Ukraine bei einer Militärparade in Moskau mit einer Bedrohung durch die Nato begründet.

Das westliche Militärbündnis habe über die Jahre eine für Russland „absolut nicht hinnehmbare Bedrohung“ geschaffen, sagte er in seiner mit Spannung erwarteten Ansprache auf dem Roten Platz zum 77. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg.

„Der Block der Nato hat eine aktive militärische Erschließung der an unser Gebiet angrenzenden Territorien begonnen“, sagte Putin. Russland habe präventiv eine Aggression des Westens abgewehrt. „Das war die einzig richtige Entscheidung.“

Im Gespräch mit dem Vater eines getöteten prorussischen Separatisten aus der Ostukraine äußerte sich der Kremlchef optimistisch über die Erfolgsaussichten der Invasion. „Die Jungs verhalten sich mutig, heldenhaft, professionell. Alle Pläne werden erfüllt, das Ergebnis wird erreicht werden“, sagte Putin der Nachrichtenagentur Interfax zufolge.

Viele internationale Experten hingegen sind der Auffassung, dass Russlands Armee im Ende Februar gegen die Ukraine begonnenen Krieg deutlich schlechter vorankommt als vom Kreml erhofft.

Putin: Konfrontation mit „Neonazis“ war unausweichlich

In ganz Russland finden traditionell am 9. Mai Militärparaden statt und Menschen erinnern an ihre im Zweiten Weltkrieg gefallenen Verwandten. Foto: Uncredited/AP/dpa
In ganz Russland finden traditionell am 9. Mai Militärparaden statt und Menschen erinnern an ihre im Zweiten Weltkrieg gefallenen Verwandten. Foto: Uncredited/AP/dpa

Am 24. Februar hatte der Kremlchef einen Einmarsch in der Ukraine befohlen – unter anderem mit der Begründung, dass die in die Nato strebende Ex-Sowjetrepublik „entmilitarisiert“ werden müsse. Alles habe darauf hingewiesen, dass eine Konfrontation mit den „Neonazis“ in Kiew, auf die die USA gesetzt hätten, unausweichlich gewesen sei, meinte er.

Putin behauptete, ein Angriff von ukrainischer Seite auf die prorussischen Separatistengebiete in den Regionen Luhansk und Donezk habe unmittelbar bevorgestanden – auch auf die Schwarzmeer-Halbinsel Krim, die Russland 2014 annektiert hatte.

Die vom Westen mit Waffen unterstützte Ukraine hatte allerdings stets zurückgewiesen, sich die abtrünnigen Gebiete Luhansk und Donezk mit Gewalt zurückholen zu wollen. Die Regierung in Kiew wirft Putin einen Vernichtungskrieg vor; er wolle die Ukraine als Land zerstören.

Putin warf der Ukraine in seiner Rede erneut auch vor, eine Wiedererlangung von Atomwaffen angestrebt zu haben. Mit Blick auf die Nato beklagte der 69-Jährige, dass Russland dem Westen im Dezember einen Vertrag über Sicherheitsgarantien, einen Dialog und die gegenseitige Wahrung von Interessen vorgeschlagen habe.

„Alles umsonst“, sagte Putin vor Tausenden Soldaten in Paradeuniform. „Die Staaten der Nato wollten uns nicht hören. Und das heißt, dass sie völlig andere Pläne hatten“, meinte er.

Keine Teil- oder Generalmobilmachung

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu salutiert vor seinen Soldaten, während er bei der Militärparade über den Roten Platz in Moskau gefahren wird. Foto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa
Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu salutiert vor seinen Soldaten, während er bei der Militärparade über den Roten Platz in Moskau gefahren wird. Foto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa

Moskau sieht sich im Krieg mit dem Westen, der mittels Sanktionen und Waffenlieferungen versuche, Russland in die Knie zu zwingen.

Anders als von einigen westlichen Beobachtern befürchtet, ordnete Putin allerdings keine Teil- oder Generalmobilmachung an, um der von ihm so bezeichneten „militärischen Spezial-Operation“ neuen Schwung zu verleihen. Aus Moskauer Sicht zufriedenstellende Fortschritte gibt es bei dem russischen Vormarsch seit langem nicht.

Putin würdigte in seiner Rede die russischen Soldaten im Donbass, die dort für die Sicherheit des Landes kämpften. Einige Vertreter der Streitkräfte nahmen demnach auch an der Parade auf dem Roten Platz teil. Zugleich räumte Putin Verluste ein und sicherte den Familien der „Gefallenen und Verwundeten“ Hilfen zu.

Offiziell ist bisher die Rede von 1351 getöteten Soldaten. Westliche Militärexperten gehen hingegen davon aus, dass mehrere Tausend russische Soldaten bei den Kämpfen in der Ukraine gestorben sind.

Der Präsident warnte bei dem Gedenken an den Zweiten Weltkrieg einmal mehr auch vor einem neuen Weltkrieg. Der damalige Kampf bedeute nicht nur die Verpflichtung, das Andenken derer zu erhalten, die den Nazismus besiegt hätten. Aufgabe sei es, „wachsam zu sein und alles zu tun, damit sich die Schrecken eines globalen Krieges nicht wiederholen“, sagte er. Er unterhielt sich am Rande der Parade auch mit Veteranen des Zweiten Weltkriegs, denen er die Hand schüttelte.

Moskau gleicht einer Festung

Putin gedachte auf dem Roten Platz und später im Alexandergarten am Grab des Unbekannten Soldaten in einer Schweigeminute der Kriegstoten.

An der ewigen Flamme erinnerte er an die Opfer des Weltkrieges mit einem Kranz – und legte an Gedenksteinen der Heldenstädte der Sowjetunion, darunter auch die ukrainische Hauptstadt Kiew, Nelken nieder.

Die mit einem Großaufgebot an Uniformierten gesicherte Innenstadt von Moskau glich einer Festung. Zehntausende Menschen waren auf den Beinen, um die mit der Militärparade verbundene Waffenschau zu verfolgen.

Was es mit dem 9. Mai auf sich hat

Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine war in diesem Jahr kein ausländischer Staatsgast bei den Feierlichkeiten zum 9. Mai in Moskau dabei. Foto: Mikhail Metzel/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine war in diesem Jahr kein ausländischer Staatsgast bei den Feierlichkeiten zum 9. Mai in Moskau dabei. Foto: Mikhail Metzel/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa

Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg in Europa mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht zu Ende gegangen.

Russland begeht am 9. Mai mit dem „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland traditionell seinen wichtigsten Feiertag. Paraden zur Erinnerung an den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg gab es insgesamt in 28 russischen Städten.

In Moskau sagte Putin auch, dass der Sieg damals gemeinsam mit den westlichen Alliierten errungen wurde. Zugleich beklagte er aber eine im Westen herrschende „Russophobie“ bei den politischen Eliten. „Uns ist bekannt, dass den amerikanischen Veteranen, die zur Moskauer Parade anreisen wollten, das faktisch verboten wurde“, behauptete Putin.

In seiner Rede stellte Putin auch die aus der Ukraine stammende sowjetische Scharfschützin Ljudmila Pawljutschenko und den ukrainisch-sowjetischen Partisanenführer Sidor Kowpak in eine Reihe mit russischen Heerführern.

Zudem erwähnte er den als Befreier Kiews geltenden General Nikolaj Watutin, dem unweit des ukrainischen Parlaments ein Denkmal gewidmet und unter dem er beigesetzt ist. Infolge des russischen Angriffskrieges sind der Abriss des Denkmals und eine Umbettung Watutins auf einen Militärfriedhof in der Diskussion. Dazu soll auch eine Gedenktafel für Kowpak entfernt werden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte an, selbst eine Siegesparade organisieren zu wollen, sobald Russland als Feind geschlagen sei.

© dpa-infocom, dpa:220509-99-212918/9


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